Aus
diesem keineswegs die Welt bewegenden Anlass möchte ich einen
Ausschnitt aus meinem Buch Menschliches Glauben wiederholen,
um noch einmal mein Selbstverständnis zu verdeutlichen.
Verfrühte Knospe in
provinzieller Enge (S. 95)
(auch => hier)
Die
heutigen gesellschaftlichen Bedingungen lassen immer neue
Ballungszentren entstehen, noch aber leben die meisten Menschen der
Erdbevölkerung auf dem Lande oder in kleineren überschaubaren
Kommunen – in der Provinz. Sie bietet Heimat, mitmenschliche
Kontakte, Vertrautheit und Geborgenheit. Nach dem Motto „Glaube,
Heimat, Sitte“ spielt sich ein in Traditionen gegossenes Leben ab,
das sich mit lokalen Aspekten zufrieden gibt und globales
Hinterfragen kaum vermisst, es sogar verdrängt, obgleich
weltpolitische Ereignisse zunehmend in das provinzielle Leben
eingreifen. In der Regel zeichnet sich der Lokalpatriotismus durch
Überbewertung der heimatlichen Szene aus und pflegt gleichzeitig
eine devote Haltung gegenüber der wie auch immer gearteten
Obrigkeit. Abweichler werden bald als solche erkannt, wieder auf Kurs
gebracht oder abgestempelt. Die Provinz sucht keine Weitläufigkeit,
sondern pflegt Prüderie und Spießertum in bürgerlicher
Doppelmoral.
Demgegenüber stellen
sich die Metropolen offener dar, aber gar nicht selten bedeutet
Offenheit lediglich anonyme Freiheit, auch Beziehungslosigkeit. Die
Bürger der Mega-Städte sind in beträchtlichem Maße
Lokalpatrioten, provinziell und häufig nationalistisch geprägt.
Das erweiterte gesellschaftliche und kulturelle Angebot der Städte
ermöglicht Horizonterweiterungen gegenüber dem Leben in der
Provinz, doch gleicht zumindest in den Staaten mit entwickelter
Infrastruktur die oft bessere Lebensqualität auf dem Lande die
provinziellen Nachteile aus.
Provinzielle Enge
entsteht gegenwärtig weniger durch den Stadt-Land-Gegensatz als
durch das Bildungsgefälle innerhalb der Bevölkerung eines Staates.
Dadurch wird Provinzialität ein Phänomen, das offensichtlich trotz
zunehmender Verstädterung und wachsender Technologisierung an
Bedeutung gewinnt. Obwohl die globalen Zusammenhänge sich überall
bemerkbar machen, verharren die Menschen vorwiegend in provinziellen
Sichtweisen und Strategien. Ein wesentlicher Pfeiler dieser
Gedankengebäude besteht in der jeweiligen Religion, sei es aus
fundamentalistischer Überzeugung oder aus eng an die Religion
gebundener, traditioneller Lebensgewohnheit.
Die
verheerenden Folgen der provinziellen Einengungen schlagen sich in
jeder Nachrichtensendung und in jeder beliebigen Tageszeitung nieder
und akzelerieren mit dem Wachstum der Weltbevölkerung und der
wirtschaftlichen Entwicklung weiterer aufstrebender Regionen.
Menschwerdung gerät mehr
noch als in früheren Zeiten ins Hintertreffen, weil in der
Vermassung das Individuum zu oft untergeht oder verblödet, ehe es
sich überhaupt als solches begreifen kann. Dabei ist gerade das
Individuum der Kern der Menschwerdung, der humanistischen
Eigenverantwortlichkeit im Einklang mit einer Gesellschaft, die ja
nicht aus sich selbst heraus, sondern aus der Summe von Individuen
besteht. Provinzielle Enge bedrängt uns indessen, weil das dort
verankerte Denken über modernste Medien die gesellschaftlichen
Schaltzentralen erobert, wo man kaum in der Lage ist, außerhalb
eigener Eitelkeiten zu reagieren, geschweige denn Perspektiven zu
entwerfen.
Mit
äußerst wenigen Ausnahmen verharrt die Menschheit in archaischen
Denkstrukturen, die sich weder jetzt noch in absehbarer Zukunft
auflösen lassen. Dieser durchaus deprimierenden Tatsache muss jeder
aufgeklärte Geist Rechnung tragen, will er sich nicht erstens der
vielseitigen Inquisition ausliefern und zweitens im privaten Umfeld
in sinnlosen Konflikten aufzehren. Als kosmonomischer Humanist ohne
religiöse Affinität muss man akzeptieren, dass es eher wenige
Individuen mit ähnlicher Geistesreife gibt. Der aus religiösem
Glauben erwachsende Wahnwitz, der sich nach eigenem Bild Götter
schaffenden Kreaturen eigen ist, dokumentiert eine derart destruktive
Einschränkung, dass keine öffentliche Aufklärungsmöglichkeit
existiert, weder in Parteien oder Verbänden noch als Einzelperson.
In praktizierter Eigenverantwortung bleibt für einen Kosmonomen nur
die entschiedene, wenngleich möglichst freundliche Zurückhaltung,
um zumindest eine Privatsphäre für die Wahrnehmung und Pflege der
angenehmen Lebensseiten zu garantieren. Inwieweit es gelingt, trotz
der vorherrschenden Indoktrinationsmentalität ein lebenswertes, gar
erfülltes Dasein zu bewerkstelligen, hängt jeweils von den
persönlichen Umständen ab. Gesellschaftliche Kontakte bilden für
die Spezies „Mensch“ eine Notwendigkeit, daran lässt sich nicht
zweifeln. Ebenso sind aber die mitmenschlichen Beziehungen das Feld
zerstörerischer, primitiver Auseinandersetzungen über
Lebensauffassungen und Weltbilder. Aus den allgegenwärtigen
Gewaltoptionen kann sich der Freidenker nur durch diskrete
Reserviertheit befreien. Menschsein und Gewalt gehören
entwicklungsbedingt zusammen, doch ist der Mensch vielleicht noch
gar nicht ein solcher. Religionen stellen seinen verzweifelten, aber
ungeeigneten Schritt zur Überwindung des Tierischen dar und der
Versuch endet global immer deutlicher in Verbiesterung.
Es
ist eine bittere Erkenntnis: Aufklärung heute ist eine Fata Morgana,
dennoch gibt es bereits aufgeklärte Menschen; ihr Schicksal sei an
dieser Stelle einmal poetisch ausgedrückt: Sie eilen der
Menschheitsentwicklung voraus und ertragen den Frost wie eine
verfrühte Knospe im Frühling. Den Sommer werden andere erleben.
©
Raymond Walden
Von
Beginn an wurden meine Veröffentlichungen möglichst totgeschwiegen,
doch es kam nun, jedenfalls für meinen Internet-Auftritt, erfreulich
anders.
Inzwischen
über eine Million Zugriffe weltweit bei über 2.400 Posts
(Aphorismen, Aufsätze, Kommentare, Gedichte und so weiter, hin und
wieder auch in englischer Sprache) in der Orientierung und Anlehnung
an das Kosmonomische
Manifest.
Dennoch
bin ich mir bewusst, damit lediglich Minimales, wenn überhaupt etwas
bewirken zu können.
Warum
ich dennoch weitermache?
Kann
es für einen Autor etwas Schöneres geben, als mit friedfertiger
Wahrheit Menschen rund um den Globus zu erreichen, sie anzuregen und
zu ermutigen, der humanen Ausrichtung von Lebenszugewandtheit
zuzustimmen und freiheitlich je nach Möglichkeiten zu folgen?
(Ergänzender
Hinweis: Wozu
eine kosmonomische Internetseite?)