Montag, 29. Oktober 2012

Kein Sinn, aber sekundäre Sinnhaftigkeit


 
Zeugung, Geburt, Aufzucht der Nachkommen, Tod. Paarung, Zeugung, Geburt, ... und so weiter generiert sich das Leben unter evolutionären Veränderungen fortwährend neu, wenngleich nicht auf ewig.
Nicht nur das individuelle Leben, die gesamte Vitalität des Planeten ist endlich, so wie sie ja auch vor Millionen Jahren begann.
Die Erde als belebter Planet folgt dem Werden und Vergehen wie das Universum in seiner Unergründlichkeit.

Dem Menschen als Teil dieser zeitlichen Abläufe erschließt sich kein Sinn. Das Leben wie das Dasein an sich, auch der toten Materie, überfordert die Denkstrukturen und das Wissen, die sich beide an verhältnismäßig einfachen Plausibilitäten und Kausalitäten des alltäglichen Geschehens orientieren, wo in der Regel Sinn und Zweck in logischer Abfolge deutlich werden. Oder sich zumindest glaubensmäßig vorgaukeln lassen.
Dauerhaft etwas ohne Sinn, das heißt ohne Ziel zu unternehmen, erscheint dem Bewusstsein zuwider, es sträubt sich und sucht nach Auswegen, nach Bestimmung und Orientierung. So wird das Leben nicht nur erträglich, sondern sogar lebenswert, vor allem wenn man es bei einer vielleicht naiven allgemeinen Oberflächlichkeit belässt.

Der konsequent denkende Mensch nimmt die Sinnlosigkeit eines temporär ständigen Entstehens und Zerfallens zur Kenntnis, verzweifelt daran oder wird trotz Ermangelung eines primären Lebenssinns dennoch befähigt, nicht zu revoltieren, sich auch keinen Täuschungen hinzugeben, sondern sich mit dem quasi „kleinsten Übel“ zu arrangieren, sich aufzuraffen, um das Leben durch alle möglichen sekundären „praktikablen“ Sinnhaftigkeiten zu erleichtern, es auch im Hinblick auf seine Umgebung sozial und human aufzuwerten – durch (Mit-)Menschlichkeit.
Das bedeutet im Besonderen, dass alle im selben Boot sitzen und niemand, wirklich niemand den Sinn des Lebens kennt, ihn auch nicht irgendjemandem weismachen kann. – So kurz und prägnant erfolgt die Absage an jegliche Religion.

Dass aber Religionen weltweit grassieren, unterstreicht die angedeutete Verzweiflung des Menschen an der Sinnlosigkeit, sodass er mehrheitlich unbemerkt in eine modifizierte Sinnlosigkeit abgleitet. Denn welchen Sinn sollte ein endloses Leben haben, das nicht einmal „ewig“ genannt werden dürfte, da es ja mit der Zeugung erst begann? Darüber hinaus überbietet die Flucht in ein angebliches jenseitiges Leben sogar noch die primäre Sinnlosigkeit auf Erden durch die Stupidität, permanent einen Gott für eine durch und durch langweilige und ziellose himmlische Existenz zu lobpreisen.
Ganz eindeutig handelt es sich um ein Hoffnungsprinzip, das auch gar nicht wirklich überzeugt geglaubt wird (werden kann). Dürfte sich doch in der Gewissheit eines jenseitig sinnvollen Lebens im diesseitigen Todesfalle keinerlei Trauer entwickeln, angesichts der einsetzenden „Erlösung“ vom Hier und Jetzt.

Aus solcher Inkonsequenz resultieren Konflikte vielfältigster Art, letztlich aus Eigen- und Menschenverachtung, die darin gipfelt, das Individuum als minderwertige Figur innerhalb eines ideologischen Schachspiels zu vertrösten und in Glaubenskämpfen zu missbrauchen.

Von Schuld lässt sich in dem Zusammenhang nur bedingt sprechen, setzt man einmal voraus, dass der wie auch immer von Religion Infizierte in „guter Absicht“ handelt. Für den stets von Frieden redenden Gläubigen ist dennoch der Kampf gegen den Anders- oder gar Ungläubigen kein Widerspruch. In seiner tragischen Bewusstseinsspaltung steigert der Religionsbeflissene seine Mission bis zum Krieg, ja die Gottheiten selbst beweisen sich in Machtkämpfen (gegen das „Böse“) und unterstützen den Waffengang.

Kriege entstehen aus Gesinnungen, nicht durch Besinnung.
Kriege sind unlogisch, weil sie im Kampf um illusorische und erlogene Werte Leben skrupellos vernichten, die eigene Zerstörung durch Verblödung und Verrohung herbeiführen.

Dies zu erkennen und künftig zu vermeiden, wird möglich durch die praktikable sekundäre Sinnhaftigkeit des Lebens, in das der Mensch gestellt ist, sicherlich nicht, um es allgegenwärtig auszulöschen!
Leben will leben! – Ein gleichsam kosmonomes Prinzip.
Alles, was dem Leben dient, beschreibt praktikable Sinnhaftigkeit.
Mehr noch: Es ist menschenwürdiges Streben in vernünftiger Kausalität zu Respekt, Gleichberechtigung, fairem Wettbewerb und freiheitlicher Lebensweise.

Eine so unzweideutige Philosophie hat eine rigorose Bewährungsprobe zu bestehen gegen die weltweite unfriedliche Verblendung durch Religionen und Ideologien.
Als Antwort zur Irreführung gibt es längerfristig nur die Mittel der Bildung und Aufklärung.
Ein sehr weiter Weg steht der Menschheit bevor. Er ist aber angezeigt für jeden, der seinen Verstand nicht vor die Prediger der Apokalypse wirft.


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Sonntag, 28. Oktober 2012

Latente Mutationen


Der Schweinehund ist kein fabelhaftes Tier, sondern ein Mensch, der eigentlich nicht einer ist, sondern millionenfach aufkreuzt.
Es gibt ihn auch als gefürchteten Einzelgänger, als kriminellen Gesetzesbrecher.

Meistens läuft der Schweinehund an der kurzen ideologischen Leine und schwänzelt um seinen Führer. Er hebt die Pfote und bellt „Sieg heil!“ oder „Immer bereit!“, auch „God bless!“, „Frieden!“ und „Gott mit uns!“, „Gott ist groß!“

Wird er an der langen Leine geführt, beißt er lebensverachtend um sich, pisst seine vermeintlichen Gegner an und scheißt auf Gleichberechtigung und Menschlichkeit.

Läuft er frei herum, streunt er, schnüffelt aus, markiert sein Revier, taucht unverhofft in Meuten auf und stellt seine Opfer, auch an die Wand, nicht ohne sie vorher zu foltern, zu quälen, zu erniedrigen, pervers zu missbrauchen – zu entmenschlichen.

Im Schutz der Macht lebt sich der Schweinehund aus, zumeist adrett gekleidet, in schnieker Uniform, ordentlich dekoriert, ein spießiger Bürger, ein selbstloser Diener des Systems, ein Idolanbeter, Arschkriecher und Speichellecker, ein Befolger des Befehls und Schwachsinns, ein pflichtbesessener Unmensch, versackt in der Idiotie von konstruierten Feindbildern unter der Glorifizierung des Hasses.

Woher kommt diese Entgleisung von Charakter? – Es ist erschütternd:
Mitten aus dem Volk! 
Wann immer der Boden entsprechend beackert und gedüngt wird. 

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Mittwoch, 24. Oktober 2012

Sequenzen von Skepsis (119)


Aphorismen zum Nachdenken und Zitieren:

1536
“Kinder-Tages-Stätte”? – Das soll die Geborgenheit eines Zuhauses ersetzen, weil sie ein unsinniger „Lifestyle“ verhindert.

1537
Im Glauben stirbt die Vernunft, und zwar ohne Auferstehung und Wiedergeburt.

1538
Am Ende, liebe Schicksalsgefährten, trotz Götterdämmerung und Prophetengeschwätz, diffundieren wir in das Nichts, in die Unbegrifflichkeit wie vor dem Zeitpunkt unserer Zeugung.

1539
Das Denken modelliert das Wissen, wird zum Schöpfungsakt, voller Lust und Leidenschaft.

1540
Von wegen des Nachlassens mit der Zeit: Vieles eskaliert. Aus „Wein, Weib und Gesang“ wird Wasser, Prüderie und Sprachlosigkeit.

1541
Himmlische Tropfen verkörpern den Sonnenstand der Region, die Güte des Bodens, den Geist und die Handwerkskunst des Winzers.

1542
Gar oft potenziert sich Unvernunft in Vernunftehen.

1543
Der Herbst in seiner farbenprächtigen Reife und Erfahrung kann die längste Spanne des Lebens bedeuten.

1544
Lerne beizeiten, die Leere des Alters ehrlich zu bestreiten.

1545
Wer erkennt noch am Sonnenstand die Jahreszeit, die Stunde des Tages, die Richtung gar? Wer die Klarheit des Sternenhimmels bei Tag und Nacht?

1546
Ohne Orientierung und ohne Konzept gelingt es der Dummheit, sich um sich selbst zu drehen.


 © Raymond Walden, www.raymond-walden.blogspot.com


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Freitag, 19. Oktober 2012

Does God Exist?


Peter Hart (GB)

There is a certain sense in which this question of questions — which inevitably admits of no certain answer — has become frayed at the edges. Or at least we may say that a considerable degree of boredom sets in as soon as we realise that the only certainty is that there is no certainty, and that not    a single proof exists. I mean, you might as well tell a child that God lives in the attic. And, when she consistently reports to her mother that every time she has climbed into the attic and looked around it is empty, what will her mother say? ‘Ah, my dear, you must believe in God.’ Well, it will hardly wash. The attic will remain as empty as any church in the small hours, and the girl may well begin to think that her mother has taken leave of her senses. Worse, she too may take up worship of the ‘God of the attic’. Does that sound frivolous? Well, ‘Staggering and terrible is the power of the human mind to invent the supernatural: still more startling its power to believe in what it has invented.’ (John Cowper Powys, In Spite of.)

Well, we have had enough of the super–subtle arguments of the philosophers and the theologians: they play by the rules, and for the most part ignore the highly inconvenient questions that children tend to ask in the playground, (and why should we not start from ground level?).  ‘Well, where’s ’e [God] live then? I ain’t never seen ‘im.’ ‘What’s ‘e do all day?’ And then, at sixth form college: ‘So you say that God watches us all day. That’s so not cool — what a pervert and voyeur!’ A few months ago there was a bright yellow poster on a full–sized hoarding on the north side of Hills Road Railway Bridge. The wording was something along the lines of Jesus came to save us from our sins. I happened one day to be on the top of a bus, sitting next to some students from Hills Road Sixth Form College. They looked at this poster with bemusement — as something quite irrelevant to their lives, and strictly beyond their comprehension. I drily remarked to them that I ‘hadn’t seen him [Jesus] around for some time.’ They cracked up with healthy laughter...
 
But, in all seriousness, we should ask ourselves: ‘Quite what the point was in creating a planet — such as the earth — and then populating it with humans simply [sic] to see how they behaved towards one another in the somewhat bizarre conditions in which they find themselves placed?’ Even had it pleased such a supernatural being to create a world devoid of evil and suffering, we might still put it to ourselves: ‘What exactly would be His/Her/Its purpose in doing so?’ Admittedly, this would be a very considerable improvement on the prevailing conditions — to put it mildly — yet it would still seem to be the strangest possible exercise. And then to go to such immense trouble: some 4.6 thousand million years of development, before the appearance of humans sufficiently intelligent to praise Him/Her/It for the original act of creation! I begin to think that the signal inefficiency of this process   is perhaps the cause of the eternal shtoom that God keeps. On the other hand, I ask myself, could it be that He/She/It has died of the sheer boredom of omniscience: the indescribable ennui of living a life    in which there is not a single aspect of drama or wonder. Not to mention the sheer drudgery of monitoring the every act and thought of millions of humans (logically impossible, even for God, by the way), most of which — by comparison to the supernatural vision of God — must seem unendurably petty and monotonous. God, what a life! Situation Vacant, most likely…  

 Endnote from Xenophanes of Colophon, flourished circa 530 BCE

Indeed, there never has been nor will there ever be a man
Who knows the truth about the gods and all the matters of which I speak.
For even if one should happen to speak what is the case especially well,
Still he would not know it…

 Xenophanes Translation by Robin Waterfield, from his book The first Philosophers, Oxford (2000)

NOTE Apparently Xenophanes was essentially a believer in a single god. However, he seems to have envisaged a kind of irreducible ‘one’: something along the line of Plotinus’ beliefs. Whatever that might precisely mean, it is a decided rejection of polytheism and of gods with human characteristics.

We are not made in God’s image; we have made God in our own (idealised) image. And try as any of us might we cannot shift this image from our minds: Michelangelo’s mighty father figure — whose will is inscrutable, and from whom we have never heard a single word.

***

Thanks to Contemporary Literary Horizon, Bucharest, Romania. 

Peter Hart about himself:
I’m not sure I can write anything that will give anybody the remotest idea of what I am like! For example, I went to Hastings School of Art in 1959 at the age of 15, but this fact tells you nothing about the atmosphere of that institution. Like most people who go to art schools, I never did anything professionally related to the subject. After working as a security guard, a hospital porter, and a hospital floor cleaner, I started working in a bookshop. I then worked as a bookseller until retirement, and now work two days a week on the computer records of the Children’s Intensive Care Unit at Addenbrookes, Cambridge, UK. In other words, back to hospital work!


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Dienstag, 16. Oktober 2012

Denk mal, Dresden!


Vieles in Dresden dreht sich um ein goldenes Kalb, hoch zu Ross, um „August den Starken“. Trotz der Qualitäten als Bauherr und Kulturstifter erkennt man unschwer Parallelen Berlusconischer Lebensart im damaligen „Elb-Florenz“.


Foto: RW

 
Was zählen schon Überzeugung und Religion, wenn es um Machtgier geht!
Für ein Königreich Polen wechselt ein August sogar vom evangelischen ins katholische Sündenregister.

Im „Grünen Gewölbe“ ungenierter Anhäufungen und schamloser Prahlerei von und mit wertvollsten Schätzen dieser Welt kommt kaum Bewunderung auf, eher Banales: „Inspiration und Reichtum sind der Stoff der Macht. – Nicht von Freiheit.“

Vor einer bewundernswert rekonstruierten Märchenkulisse aus Kirchen und weltlicher Architektur vermarktet das mehrheitlich religionsfreie Dresden einen sehr einträglichen religiösen Tourismusfrieden.
„Heilig, heilig, heilig; heilig ist nur Er ...“ vergoldet ein Bläserterzett am historischen Schlossplatz stimmungsvoll den frühen Herbstabend und ein Papa mit Kind auf den Schultern kennt den Text  zum Mitsingen.
Nun, einst sang man hier „Bau auf, bau auf ... „ und hatte doch keine Ahnung davon.

Der freiheitliche Sieg über den Kommunismus wird gerne kirchlich vereinnahmt. Das Volk in der ehemaligen DDR war und ist aber kein Kirchenvolk!
Und das westliche Kirchenvolk hatte längst die Wiedervereinigung aus seinen Fürbitten gestrichen.

Dresdens Frauenkirche symbolisiert in ergreifenden Weise die Würde des Menschen, seine guten Absichten, seinen Fleiß und sein Können.
Gleichzeitig steht sie da als Luftschloss einer irrwitzigen Religiosität.
War es nicht christliche Pflichterfüllung gegenüber ihren Vaterländern, die britische und amerikanische Soldaten diese Stadt zerbomben ließ wie deutsche umgekehrt etwa Coventry?
Das Christentum ist einer solchen Kirche nicht würdig.

Foto: RW
 
Die aus Ruinen wiedererstandene Frauenkirche in Dresden wird im einfachsten Falle in naiver Gotteskindschaft missverstanden; das ausliegende Gästebuch beweist dies vielfältig, auch Mitleid erregend.
Jedoch besteht der unschätzbare humane Wert der Kirche in ihrer Mahnung mit mächtiger Signalwirkung für den Frieden, in ihrer architektonischen und künstlerischen Brillanz, in ihrer Erhabenheit als Klangkörper, als Bühne für Kunst und Literatur, für das gesprochene und gesungene freiheitliche Wort der Besinnung und Aufklärung.
Dieses Monument ist viel mehr als eine Kirche, mit seinem Ausdruck höchster menschlicher Wertschätzung, feinsinnigster Philosophie und wacher Eingebundenheit in das kosmische Sein zeichnet es nicht nur den Standort Dresden aus, sondern gibt Hoffnung essentiell weltweit.


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Sequenzen von Skepsis (118)


Aphorismen zum Nachdenken und Zitieren:


1523
Natürlich religionsfrei!
Kein Lebewesen wird religiös geboren. – Und schon gar nicht in geerbter Sünde.

1524
Angesichts der politischen Weltkarte hätte ich in den meisten Ländern nichts verloren, doch Völker repräsentieren sehr viel mehr als ihre beschränkten Herrscher.

1525
Wer Ängste zu nehmen weiß, statt sie zu schüren, verwirklicht Menschlichkeit. 
Nicht so der aufgesetzt lächelnde Optimist.

1526
Wie schnell wird der tägliche routinemäßige Habitus zur Lähmung. Man spürt die Gefangenschaft und entdeckt keinen Ausweg. Bliebe Ausbruch mit allen Risiken und Ungewissheiten.

1527
Man wünsche mir kein langes Leben,
ein gesundes bestenfalls und dann
irgendwann ein rasches Ende eben.

1528
Windmühlen erzeugen ideologisch Spannung und indoktrinär Strom.
Welch eine Leistung!

1529
Kühl und bunt, frisch und reif, bald kahl und still kommt der Herbst, einsilbig.

1530
Nicht Atomkraftwerke stellen Zeitbomben dar, sondern grüne Ideologen ticken nicht richtig. Ihre Koalitionspartner merken das logischerweise nicht, sonst wären sie keine.

1531
Man erzeuge Angst, damit man sie und sich aufwändigst bekämpfen kann.

1532
Wieder hat in Mitteleuropa die Partei immer Recht: Die Ökumenisch-Ökonomisch-Ökologische Einheitsfront (ÖÖÖE).

1533
Das Staatstheater stellt keine Architektur dar, stattdessen eine fragwürdige Inszenierung.

1534
Lächelndes Obst möchte vernascht werden.

1535
The American Way Of Life ist eine Lebensunart.


© Raymond Walden, www.raymond-walden.blogspot.com



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Montag, 8. Oktober 2012

Existiert Gott?


Von Peter Hart (GB)

In gewissem Sinne ist diese Frage der Fragen – die zwangsläufig keine sichere Antwort zulässt – ziemlich abgenutzt. Oder wenigstens könnte man sagen, ein beträchtlicher Grad von Langeweile setzt ein, sobald wir realisieren, dass die einzige Sicherheit darin besteht, dass es keine Sicherheit gibt und dass kein einziger Beweis existiert. Ich meine, man könnte genauso einem Kind erzählen, Gott lebe auf dem Dachboden. Und, wenn das Kind beständig seiner Mutter berichtet, dass es bei jedem Besuch des Dachbodens vergeblich nach Gott Ausschau gehalten habe, was wird die Mutter sagen? „Ach, Liebling, du musst an Gott glauben.“ Nun, das wird kaum das Problem lösen. In nächtlichen Stunden wird der Dachboden so leer bleiben wie jede Kirche und das Kind mag durchaus zweifeln, ob die Mutter der Verstand verlässt. Schlimmer noch, auch das Kind mag mit der Verehrung „Gottes auf dem Dachboden“ beginnen. Klingt das zu frivol? Nun, erschütternd und schrecklich ist die Kraft menschlicher Vorstellungen bei der Erfindung von Übernatürlichem: „Noch spektakulärer die Kraft, an das zu glauben, was sie erfunden hat.“ (John Cowper Powys, In Spite of)

Wir hörten genug super-spitzfindige Argumente von Philosophen und Theologen: Sie halten sich an die Spielregeln und ignorieren größtenteils die höchst unbequemen Fragen, die Kinder schon auf dem Spielplatz gerne stellen (und warum sollten wir nicht bei so frühem Alter beginnen?)
„Ja, wo ist er (Gott) eigentlich? Hab’ Ihn nie gesehen!“ „Was geht bei ihm ab, den ganzen Tag?“ Und dann in den Abschlussklassen: „So, man sagt, dass Gott uns den ganzen Tag beobachtet. Das ist nicht cool – was für ein perverser Voyeur!“

(Vor einigen Monaten befand sich ein leuchtend gelbes Poster über die gesamte Reklamefläche auf der Nordseite der Hills Road Eisenbahnbrücke. Der Wortlaut der Zeilen war Jesus kam, um uns von unseren Sünden zu befreien.  Eines Tages war ich zufällig auf dem Oberdeck eines Busses und saß neben einigen Schülern der Abschlussklasse vom Hills Road College in Cambridge. Sie schauten ratlos auf das Plakat – als etwas für ihr Leben ziemlich Unwichtiges und etwas jenseits ihres Verständnisses. Ich sagte ihnen trocken, dass ich ihn (Jesus) seit einiger Zeit nirgends gesehen hätte. Sie brachen in helles Gelächter aus. ..)

Aber in allem Ernst, wir sollten uns selbst fragen: „Was ist eigentlich der Sinn, einen Planeten zu kreieren – so wie die Erde – und ihn dann mit Menschen zu besiedeln, um einfach (sic) zu sehen, wie sie sich gegeneinander verhalten unter den irgendwie bizarren Bedingungen, in die sie sich hineingestellt finden? Hätte es dem so übernatürlichen Wesen sogar gefallen, eine Welt frei von Bösem und Leid zu erschaffen, müssten wir uns immer noch fragen: „Was genau könnte seine Absicht hinter solchem Tun sein?“ Zugegeben, das wäre eine sehr beträchtliche Verbesserung der vorherrschenden Bedingungen – um es milde auszudrücken – dennoch wäre es eine seltsamst anmutende Möglichkeit. Und dann der Aufbruch zu so immensem Ungemach: Rund 4.6 Milliarden Jahre der Entwicklung bis zum Erscheinen von Menschen mit ausreichender Intelligenz, Ihn/Sie/Es für den ursprünglichen Zeugungsakt zu preisen!
Ich beginne zu glauben, dass die außerordentliche Ineffektivität dieses Prozesses vielleicht der Grund für das ewige Shtoom (jiddisches Wort für komplettes Schweigen) ist, das Gott einhält. Andererseits frage ich mich, könnte es sein, dass Er/Sie/Es an schierer Langeweile der Allwissenheit gestorben ist, dem unbeschreiblichen Stumpfsinn, ein Leben zu führen, in dem es nicht einen einzigen Aspekt des Dramas oder des Wunders gibt. Nicht zu vergessen die pure Plackerei der Aufzeichnung jeder Tat und jedes Gedanken von Milliarden Menschen (logischerweise unmöglich, übrigens sogar für Gott), von denen – im Vergleich zur übernatürlichen Vorstellung von Gott – die meisten unerträglich unbedeutend und monoton erscheinen müssen. Gott, was für ein Leben!  Höchstwahrscheinlich eine Vakanz...

Ergänzende Anmerkung von Xenophanes von Kolophon, ungefähr 530 v.u.Z.:
„Hätten Kühe und Pferde oder Löwen Hände oder könnten sie mit ihren Händen zeichnen und Dinge verrichten wie die Menschen, Pferde hätten pferdeähnliche Götter, Kühe kuhähnliche Götter gezeichnet, und jede Spezies hätte Götterkörper wie ihren eigenen entworfen.
Äthiopier sagen, ihre Götter hätten flache Nasen und seien schwarz und Thraker behaupten, ihre Götter hätten blaue Augen und rotes Haar.“

Eigene Anmerkung des Autors:
Nach dem Lesen dieses Textes von Xenophanes mag es überraschen zu erfahren, dass er im Wesentlichen an einen einzigen Gott glaubte – und das ändert merklich die Bedeutung seiner Zeilen. Wie dem auch sei, er scheint sich eine Art von nicht zu reduzierender Einheit vorgestellt zu haben; etwas Ähnliches wie die Glaubensvorstellungen von Plotinus. Was das auch immer präzise bedeuten mag, es ist eine entschiedene Ablehnung der Vielgötterei und von Göttern mit menschlichen Charakterzügen.
Wir sind nicht in Gottes Vorstellung entstanden, wir haben Gott nach unseren eigenen (idealisierten) Vorstellungen geschaffen. Und wie wir es auch versuchen, wir können diese Vorstellung nicht aus unserem Gedächtnis drängen:
Michelangelos mächtige Vaterfigur – deren Wille ist unergründlich und nie haben wir ein einziges Wort von ihr gehört.

Nachwort von Raymond Walden:
Peter Hart ist wie ich seit einiger Zeit Autor des internationalen Magazins „Contemporary Literary Horizon (CHM), Bukarest, Rumänien, in dessen Ausgabe 4/2012  der Beitrag „Does God Exist?“ in englischer Sprache erschien. Mit freundlicher Genehmigung der CHM-Redaktion veröffentliche ich auf meiner Internetsite die durch mich erfolgte deutsche Übersetzung.
Gebeten um eine kurze Vorstellung seiner Person, antwortete mir Peter Hart Folgendes:

Ich bin mir nicht sicher, ob ich irgendetwas schreiben kann, das auch nur eine entfernteste Idee meines Selbstverständnisses vermitteln kann. Zum Beispiel besuchte ich 1959 im Alter von fünfzehn Jahren die Kunst-Schule in Hastings, aber diese Tatsache sagt nichts aus über die Atmosphäre dieser Institution. Wie bei den meisten Leuten, die Kunst-Schulen besuchen, stand meine berufliche Tätigkeit niemals in Beziehung zum Fach. Nach Tätigkeiten als Sicherheitswachmann, Krankenhauspförtner, und Krankenhaus-Putzmann begann ich, in einem Buchgeschäft zu arbeiten. Bis zu meinem Ruhestand war ich Buchverkäufer, und nun arbeite ich zwei Tage in der Woche am Computer der Kinder-Intensivstation bei Addenbrookes, Cambridge, UK. Mit anderen Worten, wieder Krankenhausarbeit!



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Mittwoch, 3. Oktober 2012

Sequenzen von Skepsis (117)


Aphorismen zum Nachdenken und Zitieren:

1513
Mit jeder Staatslüge schafft sich die Regierung ein weiteres Tabu zur Absicherung ihrer Macht.

1514
Das Volk lechzt nach Tabus und delektiert sich an gelegentlichen Verstößen.

1515
Den geschäftstüchtigen Arzt erkennt man an der Reichhaltigkeit seiner esoterischen Behandlungsmethoden.

1516
Das weltweit verschwenderischste Lügenfestival firmiert unter dem Titel Präsidentschaftswahlkampf. Er gilt als glanzvollste Inszenierung von Dummheit und Peinlichkeit. Das entsprechend ungebildete Publikum heult vor Begeisterung.

1517
Der Nationalstolz wurde vielen Deutschen gründlichst ausgetrieben. Deshalb sind sie jetzt weltweit führend in ihrer Verfassungslosigkeit.

1518
Wer gläubig daherkommt, möge bitte weitergehen und niemanden belästigen.

1519
Zuversicht kam dem Volk abhanden angesichts der bewussten, aber vertuschten Verlogenheiten.

1520
Echtzeit mit lieben Menschen bedarf der Vor- und Nachbereitung des Genusses, um den Reichtum zu entfalten, der auch die Einsamkeit erfreut.

1521
In einer erschreckend hohen Analphabeten-Gesellschaft erreiche ich natürlich eben diese nicht und auch nicht die Konsumenten der Bilder-Journalien auf Papier oder Bildschirm.
Einst schickte man mit viel Aufwand eine Sonde ins grenzenlose Weltall mit intelligenten Informationen über den Menschen auf diesem Planeten.

1522
Auch Liebe braucht den Kompromiss, aber auf der Basis offener und unzweideutiger Einigkeit.



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Montag, 1. Oktober 2012

Kosmonomische Verantwortung



Millionen und Abermillionen bewegen sich mental und physisch um die Kaaba, bewegen sich zum Papst, bewegen sich vor der Klagemauer, lassen sich bewegen durch Tempel, Statuen, Schreine und Heiligtümer, bewegen sich ehrerbietig und folgsam gegenüber Königen und Despoten.
Und alle gleichen sie Marionetten, die sich trotz ihrer Fremdbestimmung lediglich um sich selbst drehen.

Angesichts milliardenfacher Ignoranz und Inkompetenz eskaliert das globale Chaos zum artgerechten soziologischen Urknall.
Danach erst ergeben sich Bedingungen für nennenswerte evolutionäre Aufklärung und Humanität.
Erst nach dem Tode der Götter und Abgötter definiert sich menschliches Leben auch mehrheitlich in realer Würde.

Der Mensch lebt heute eingeengter denn je als Minderheit in einer verblödenden Interimsgesellschaft.
Denn mit der religiös-ideologischen Wissensverweigerung geht die aus ihr genährte Boshaftigkeit einher, die gezielte Destruktion, die Vernichtung des Menschlichen aus unersättlicher Gier und blindwütigem Nationalismus und Rassismus.

Der Nahe Osten gilt als das niederschmetterndste Zeugnis für den gesamten Globus: Idiotische Gegensätze verweigern sich jeder Möglichkeit des Ausgleichs, geschürt, angestachelt und protegiert von außen zur schärfsten inneren Unversöhnlichkeit.
Solche Kulturen mit all ihren Heiligpreisungen bedeuten nicht nur geistiges Versagen, sondern darüber hinaus Menschen verachtende Verrohung unter jeweilig traditionell glaubensinterner, grotesker Berufung auf Nächstenliebe.

Im kosmonomischen Verständnis steht menschliches Blut weder als „Zoll“ noch als „Opfer“ zur Disposition!

Ein solches Bekenntnis jedoch birgt bereits ein hohes Lebensrisiko im systemkonformen Gotteswahn.
Unter solchen Umständen nicht abzugleiten und schon gar nicht überheblich aufzuschneiden, verlangt vom aufgeklärten Menschen einen Balanceakt von einzigartiger Besonnenheit, von kosmonomischer Verantwortung.


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