Donnerstag, 11. Juni 2020

Menschliches Glauben: Der Stern der Weisen (S. 93)


Dezember 1998

Folgt man alten Überlieferungen, so befand sich zur Geburtszeit Christi ein besonders auffallender Stern am Himmel und wies bekanntermaßen den Weisen aus dem Morgenlande den Weg nach Bethlehem. Mit dem heutigen Kenntnisstand lässt sich ziemlich sicher nachweisen, dass es keinen derartigen Stern gab, sodass der Schwerpunkt der Betrachtung auf dem Symbolgehalt des Phänomens ruht. Die Gelehrten oder Weisen vor 2.000 Jahren waren oft auch Himmelskundige, deren Weisheiten jedoch weniger einer Wissenschaft in heutigem Sinne als vielmehr einer Deutungskunst genügten; Astronomie und Astrologie entsprachen noch ein und demselben. Davon aber unabhängig ist der philosophische Wert des zitierten Himmelslichts als Zeichen der Freude, des Optimismus, der menschlichen Wärme zu sehen. Sterne allgemein hoben sich ab vom Alltäglichen als überirdisch oder gar göttlich, charakterisiert als Garanten des Guten wie des Bösen.
     Heute wissen wir um die gewaltigen Energieprozesse innerhalb und außerhalb von Sternen. Wir kennen den segensreichen, einzig Leben ermöglichenden Erdabstand zur Sonne, unser Planetensystem haben wir sehr gut verstanden und auch schon manche Struktur unserer Heimatgalaxis definiert. Daher wissen wir: Es gab keinen physikalischen „Weihnachtsstern“; weder als Supernova, noch als Kometen (der sowieso kein Stern ist).
     Nun kennt man das Geburtsjahr Christi nicht so genau, so dass drei etwa 7 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung zu beobachtende enge Jupiter/Saturn-Konjunktionen, also Zusammentreffen der Planeten am Firmament, die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Viele populärwissenschaftliche Darstellungen folgen dieser Erklärung für die Existenz des Weihnachtssterns, doch erscheint dies eher opportunistisch, denn über einen Zeitraum von nur wenigen Jahren existieren am Himmel derart viele Zyklen, sodass sich zu beinahe jedem irdischen Geschehen irgendeine, oft auch an den Haaren herbeigezogene, Himmelsentsprechung konstruieren lässt, so man nur will.
     Das wiederum ist das Geheimnis der heutigen Astrologie als Täuschung auf der ganzen Linie, begünstigt durch die Mentalität einer Gesellschaft, die millionenfach Weihnachtssterne aufhängt im kalten Geschäftslicht, das jeden Sternhimmel, selbst den in unserer Seele, niederstrahlt. Glücklich waren die Weisen damals; sie folgten einem klaren, verzaubernden Sternhimmel und einer freudigen Hingabe. Die Marksteine heute sind zum Beispiel kommerzielle Skybeamer, die den Nachthimmel dem Menschen entfremden. Die Lichtverschmutzung geht einher mit unsäglichen Abfallmassen, die wir in den Himmel und wieder herabbefördern durch militärische Projekte, extensiven Menschen- und Gütertourismus und durch geistige Verseuchungen, die via Satellitenfernsehen die Menschen befallen. Der Massenmensch verfügt über entrückte und verrückte Weltbilder, obgleich ihm die moderne Forschung wirklich grandiose Weiten eröffnet, denen er sich aber verschließt. Das ist die eigentliche Tragik.
     Schon ein bescheidenes Fernglas kann zu Einsichten führen, denn die überwältigende Anzahl der verschiedenen Himmelsphänomene hat allemal die Qualität eines Weihnachtssterns, den eigenen Standort physiologisch wie psychologisch-philosophisch zu bestimmen. Man muss sich allerdings, frei nach Kant, bemühen: Sapere aude – wage es, deinen Verstand zu gebrauchen!


© Raymond Walden 


 

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