Donnerstag, 11. August 2011

Ideologisch eingemauert

Dass Mauern in Köpfen entstehen, bekennt man beinahe schon sprichwörtlich, kümmert sich aber wenig um derartig Philosophisches bei der Errichtung neuer Mauern. Vielleicht halten die aktuellen Konstruktionen den Geist auch so gefangen, dass er seine eigene Knechtschaft, sein Eingesperrtsein, nicht mehr oder nur vermindert wahrnimmt.

Ist eine Mauer erst einmal hochgezogen, überdauert sie oft Menschengenerationen, zumindest steht sie bis zu einem Gesinnungswandel, der sie gegebenenfalls aber auch in revolutionärer Vehemenz hinwegreißt.
Es gibt keine Mauern der Freiheit, wohl aber der Angst und ihrer erhofften, vielleicht auch vorgegaukelten Abwehr. Der Grund für die Angst ist oft mehr als fragwürdig, nicht selten Ausdruck von schlechtem Gewissen, von Einbildungen und Manien.

Mauerarchitekten berufen sich auf faschistische, kommunistische, kapitalistische und religiös-nationalistische Ideologien, die nicht zuletzt durch die zu errichtenden Wände untermauert werden sollen: durch Freiheitsentzug, der süffisant als Freiheit amtliche Glorifizierung erfährt und, gewohnheitsmäßig eingetrichtert, sogar zur irgendwie lieben Vertrautheit wird.
Maurer und Hilfs- wie Zwangsarbeiter mauern Mauern, nichts sonst, die Verantwortung liegt bei den Bauherren und ihren Financiers.

Am 13. August 1961 wurde in Deutschland zur ideologischen Trennung der Menschen eine konkrete Mauer gebaut, die nicht ohne Wirkung auf ganz Europa, ja auf die gesamte Welt blieb.
Welch ein Freudentaumel, als diese so völlig ungenierte und schikanöse, blutbefleckte und widernatürliche Barriere am 9. November 1989 fiel!
Wirklich überall Freude?
Keineswegs.
Es gibt immer noch und schon wieder Gemütskranke, welche die Mauer zurück wünschen – wenn sie nur die Macht hätten.
Es war damals alles so klar geregelt, niemand musste sich zur Eigenverantwortung und Selbstinitiative aufraffen.

Nunmehr dem Ideen- und Leistungswettbewerb gnadenlos ausgeliefert, scheitert der Ungeübte besonders dann, wenn er schon wieder vor Mauern steht, vor ganz anderen zwar, aber ebenso rigoros trennenden. Die Spaltung der Gesellschaft in wenige immer Reichere und immer mehr Arme ist ein solches Beispiel wie auch die zunehmende Verelendung ganzer Völker bei ungebremster Raffgier internationaler Konzerne und sich als Demokratien bezeichnender Industriestaaten.
Im exzessiven Ausleben der Machtinteressen gibt es weiterhin Mauern ähnlich der ehemaligen deutschen Trennungslinie, man denke an Israels meterhohe Abgrenzung gegen die Palästinenser, an die US-Grenze zu Mexiko und viele andere, auch historische Mauern weltweit.

Mauern stellen Machtinstrumente dar zur Entmündigung des Individuums, zur Einschüchterung, zum Wegsperren der Opposition, zur Verhinderung freizügiger Infrastrukturen, zur Demonstration und Durchführung von Gewalt, Folter und Mord.

Der Vielfalt entsprechend, gestaltet sich das konkrete Erscheinungsbild, seien es gigantische Wolkenkratzer des Kapitals, muffige Kirchenmauern, offene und verdeckte Pressediktate oder besonders „körpernah“ die Burka, die Soldatenuniform, die ungleiche medizinische Versorgung und die skandalösen Hungersnöte.

Der allgemeine Jubel über den Fall der „Berliner Mauer“, so scheint es, ist ein blendender Anlass, von bestehenden Mauern abzulenken.

Am 13. August 1961 offenbarte sich menschlicher Unsinn, wie er heute ebenso fortexistiert als Merkmal einer bisher lernunfähigen, ideologisch eingemauerten Menschheit.

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