Mittwoch, 30. Dezember 2009

Was zu erwarten war

Bald jährt sich der Tag der überschwänglichen Amtseinführung des US-Päsidenten Barack Obama, und die Bilanz seiner vollmundigen Ankündigungen ist so ernüchternd wie für den aufrichtig demokratischen Bürger schon das gesamte Wahlprozedere in den USA, das mit Geld alles und mit freiheitlicher Demokratie auf der Basis von Gleichberechtigung ( in des Wortes Bedeutung) gar nichts zu tun hat.

Die meisten Diktaturen des Globus berufen sich erst gar nicht auf Demokratie, zeigen ungeschminkt ihr grausiges Gesicht. Anders die USA: Sie blenden mit freiheitlichem Grinsen und herrschen regide weltweit, sie sind de facto keine Demokratie!
Es sei denn, man versteht unter dem eindeutigen Wort neuerdings etwas völlig anderes.

Unter kosmonomer Betrachtung schmerzt es, wie die USA ihre unter großen Opfern errungenen Freiheitsideale verraten.
Und gerade unter kosmonomer Beurteilung wird deutlich, was Freiheit anrichtet, wenn sie die Bildung der Bürger vernachlässigt, die Bürger dadurch von Staats wegen geringschätzt, um sich ideologisch, in diesem Falle kapitalistisch, über alle humanen Werte zu erheben.
Es verwundert keineswegs, dass auch in den Vasallen-Staaten der USA Bildungsprobleme ganz oben anstehen – nicht selten einhergehend mit esoterischem und evangelikalem Wildwuchs und einem völlig falschen Verständnis bezüglich der Religionsfreiheit.

Der blumige „Yes-we-can“-Prediger Obama treibt weiter Krieg im Irak auf der Basis der Lügen seines Vorgängers und Kriegsverbrechers George W. Bush, Obama „stockt auf“ in Afghanistan, knickt vor der Israel-Lobby ein (die Besiedelung geraubten Landes geht weiter), Obama kann Guantanamo nicht schließen, bestenfalls in die USA verlegen, Obama kann Folter nicht verhindern, weiter werden in den USA Todesurteile vollstreckt. Obama hat mit wirklich notwendigem Umweltschutz so viel am Hut wie die Story vom schädlichen Kohlendioxid sowieso eine Mär ist.
Und an vielen hier nicht aufzuzählenden Brennpunkten der Welt, in den Gremien der internationalen Menschenrechte und juristischen Verfolgung von Kriegsverbrechen kennen die USA nur die Wahrnehmung ihrer Interessen über die Köpfe der Staatengemeinschaft hinweg.

Dieser Präsident Barack Obama mit dem weltweit bisher umfangreichsten Kriegs-Etat ist ausgezeichneter Friedensnobelpreisträger! – Eine schwere Hypothek für den Frieden, für die Weltpolitik.
Genug Deppen gibt es dennoch, dem Mann, dem System zuzujubeln.

Es geht hier nicht darum, in üblicher Weise ein Feindbild zu erzeugen (die US-Politik lebt seit Jahrzehnten davon), sondern im kosmonom-philosophischen Verständnis Fakten zu erkennen, die eben nicht besser sind als etwa die faschistischen, die kommunistischen, die chinesischen, die vielfältigen religiös-fundamenatlistischen Thesen.

Kosmonomie ist eine Herausforderung für die gesamte Menschheit; sie wird sich nie in lokalen, regionalen, nationalistisch versponnenen Konflikten verschleißen, denn sie versteht sich, bei aller vorhandenen Verletzbarkeit durch eben die örtlichen Statthalter, als universale philosophische Möglichkeit des friedlichen Miteinanders verschiedener Kulturen durch Aufklärung, durch Bildung des Menschen hin zur Befähigung, seine Humanität zu verwirklichen.
Die Menschheit steht erst ganz am Anfang ihres Seins.

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Mittwoch, 23. Dezember 2009

Pseudofeierlich

Das natürliche Bemühen des reflektierenden Menschen, mit sich und seiner Umgebung im Reinen zu leben, hängt von vielen nicht beeinflussbaren Faktoren ab, sicherlich aber auch vom Charakter, von Wissen und Fähigkeiten. Es ergibt sich also ein nicht unbeträchtlicher Anteil an Eigenverantwortung.

Im kosmonomischen Selbstverständnis meint dies, aus theoretischen Thesen Konsequenzen für das praktische Verhalten zu ziehen und sich nicht damit zu begnügen, was Religionen, Ideologien und Mainstream so anbieten.

Der Jahreswechsel, wenngleich nur eine Abfolge willkürlicher Zahlen, birgt für die meisten Menschen einen Imperativ zum Bilanzieren, zum Planen und Hoffen, viel zu oft vereint in pseudofeierlichen Formulierungen und Schwafeleien: Geistliche und Politiker laufen zur Hochform auf und die Medien bringen die Botschaften auch in den kleinkariertesten Flecken, heizen einen Frieden an, der leider keiner ist.

Bedenke ich den kosmisch kurzen „Wimpernschlag“ unseres Lebens, wird mir die Zeit zu wertvoll, ich klinke mich aus solchen Inszenierungen regelmäßig aus.
Bewusst wende ich mich jetzt intensiver Menschen und Dingen zu, die ich mag, eingebunden in natürliche Gegebenheiten, in menschliche Wertschätzungen, in den Genuss des kulturell Herausragenden und in Dankbarkeit, dass mir das möglich ist.

Denn in den überwiegenden Teilen der Erde, aber auch besorgniserregend wieder in Deutschland verhindert man einen verbindlichen Begriff von Freiheit, weil sie auf kosmisch weiten Zusammenhängen und auf objektiver, ehrlicher, humanistischer Gleichberechtigung basiert.
Menschenwürde dieser Art ist denen ungelegen, die in den Krieg ziehen, die an Waffengeschäften reich werden, die für Mediengleichschaltungen verantwortlich zeichnen, die Chaosszenarien an die Wand malen, Bildung vernachlässigen, Armut und Hunger anderer in Kauf nehmen und sich gleichzeitig mit Religion verfilzen.

Kein Verschließen der Augen in den jetzt folgenden besinnlicheren Tagen, aber auch kein Vergessen des individuellen „Jetzt und Hier“.
Unsere Gesellschaft braucht den mündigen Bürger dringender denn je. Mündigkeit erwirbt man im gelebten Leben durch Praxis mit aufgeklärt fundierter Lebenseinstellung.

In diesem Sinne allen Lesern erhellende Feiertage und ein Glückauf für 2010!

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Dienstag, 22. Dezember 2009

Sequenzen von Skepsis (16)

Aphorismen zum Nachdenken und zum Zitieren:


172
Europa subventioniert seine Landwirtschaft, damit es großzügig Entwicklungshilfe in noch großzügigere Notgebiete „opfern“ kann, in Gebiete, deren landwirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit verhindert wird.

173
Die Illusion von Gott ist des Menschen Be-, ja Verhinderung.

174
Gotteslästerung und Blasphemie können nur Gläubige begehen.
Wie sollte ein aufgeklärter Geist über Gott lästern, den es gar nicht gibt?

175
Zwischen Liebe und Hass
baut Besonnenheit begehbaren Boden, belastbare Brücken.

176
Der erste Selbsttötungsversuch ist oft die Partner- oder Berufswahl.

177
Der kirchliche Singsang intoniert wahren Katzenjammer: Glanzvolle Hymnen, Oratorien bejubeln das Leid und einen Pyrrhussieg.

178
Wahnvorstellungen beflügeln den Menschen, bis er fliegt.

179
Premierminister, Präsidenten, Kanzler möchten ihrem Volke dienen, so selbstlos edel und hilflos in ihrem masochistischen Machtstreben.

180
Freunde pflegen das Leben,
Kameraden, militärisch erzwungen,
werden im Tode besungen.

181
Im Totalitarismus erträumte und gepriesene Bewegungsfreiheit führt nun zur Kontrolle, Steuerung, Schleusung und zur Durchleuchtung der Privatsphäre, raubt Freiheit. Aber ihr träumt weiter!

182
Konformisten beklagen das „Jammern auf hohem Niveau“, denn sie möchten fundierte Kritik diskreditieren. In der vorgeblichen Zufriedenheit mit dem Blick auf noch „ärmere Teufel“ behindern sie gesellschaftliche Fortschritte, verteidigen oder betreiben Sozialabbau. Man fragt sich, in wessen Diensten sie stehen.
Viele jedenfalls bedienen die Einfalt.

183
Zuviel Durchblick in einer Glaubensgesellschaft kommt weit teurer zu stehen als Schwarzsehen.


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© Raymond Walden, www.raymond-walden.blogspot.com

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Samstag, 19. Dezember 2009

Die Umwelt muss vor solchen Leuten geschützt werden

Dass die Umwelt geschützt werden muss, weil sie unsere einzige Lebensgrundlage darstellt, ist eine Binsenweisheit.

Dass die Umwelt faktisch nicht geschützt wird, weil niederste Macht- und Geschäftsinteressen regieren, ist die zweite Binsenweisheit.

Dass zum Schutz der Umwelt eine sorgfältige Analyse von Ursache und Wirkung unumgänglich ist, wäre die dritte Binsenweisheit, die aber bereits alle physischen wie psychischen Kopenhagen-Pilger in diesen Tagen hoffnungslos überfordert, denn sie folgen einem von falschen und verlogenen Propheten in die Welt gesetzten Glauben und besitzen bezüglich klimatischer Zusammenhänge so viel Kompetenz wie ein Pferd vom Fliegen.

Ein Massen-Palaver anlässlich einer „Klima-Konferenz“ wird nicht erfolgreicher durch das Aufbieten von Regierungs- und Staatschefs, die allesamt in ihren jeweiligen Ländern unfähig sind, schuldenfrei zu wirtschaften, gerechte Sozial- und Gesundheitssysteme zu etablieren, chancengleiche und effektive Bildung zu gewährleisten, Arbeitslosenzahlen und menschenunwürdige Not zu minimieren, Korruption und Menschenhandel (Sklaverei) wirksam zu bekämpfen und dem Hunger in der Welt wirklich zu begegnen, die stattdessen mit Kriegen die Umwelt und die Menschen schänden und konzeptionslos nur ihre eitle Selbstdarstellung und nationalistische Einengung beweisen.

Diese aufgeblasenen Vertreter des Misserfolgs, diese naturwissenschaftlich Ahnungslosen bilden sich allen Ernstes ein, das Erdklima auf zwei Grad Erwärmung eindämmen, das Klima „retten“ zu können!

Ausgerechnet grün-faschistoide Kritiker, die der exakten Wissenschaft immer wieder vorwerfen, menschenfeindlich zu sein, Nebenwirkungen zu verharmlosen, ja, gewinnträchtig einzukalkulieren (bezüglich der bezahlten Wissenschaft stimmt das ja), diese esoterischen Spinner und Sektierer wollen die Natur korrigieren, indem sie beispielsweise Kohlendioxid zum Gift erklären und behaupten, das vom Menschen freigesetzte Kohlendioxid verändere ursächlich das Klima!

Umweltschutz, ich wiederhole es, bedeutet eine existenzielle Herausforderung für alle Menschen in der konkreten Verantwortlichkeit vor Ort. Das darf aber nicht bedeuten, im einzelnen Bürger Schuldgefühle zu erzeugen, um ihn zur Kasse bitten zu können, während die Regierungen und Großkonzerne gefräßig und unersättlich weiter ausbeuten und verschleudern, wann und wie immer es in ihre regionale und provinzielle Beschränktheit oder in ihre Hegemonialabsichten passt.

Der nunmehr wichtigste Schutz der Umwelt heißt: Schutz vor diesen Wahnsinnspredigern und ihrer Klimareligion!

Unerlässlich ist aber ein wissenschaftlich sauber begründeter und menschenwürdiger Umweltschutz, objektivierbar, transparent und vor allem methodisch konsequent – längst möglich mit dem heutigen technologischen Entwicklungsstand!

Allerdings bedeutet eine solche Forderung schlichte Tagträumerei in der Welt des Interimsmenschen, des evolutionär noch nicht fertigen Menschen.

Die Kopenhagener UN-Konferenz führte auf bestürzende Weise wieder einmal vor Augen, wie gerade in einer gleichgeschalteten Medienwelt, in einer Zeit bisher nie gekannten Datenflusses durch pseudowissenschaftliche Behauptungen und Aktivitäten die Menschheit in völlig falsche Sichtweisen gedrängt wird, in Szenarien, welche die Menschheit und die Menschlichkeit durch Massenpsychose einerseits und Wachstumsegoismus andererseits lahm legen.
Ein kosmonomes Besinnen wird immer dringlicher.

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Mittwoch, 16. Dezember 2009

"Weihnacht"

Weihnachten donnert über uns wie ein gesellschaftspolitischer Befehl.
Man muss sich ihm stellen!
Aber wie (!) ?
Flucht erscheint sinnlos, es sei denn in einen unchristlichen Kulturkreis.
Also bleibe ich, stehe zu mir und nutze die Zeit.
„Wer sein Kind liebt, ......“
– Nicht doch, mein Spruch lautet ganz anders:
„Wer sein Kind liebt, gibt ihm Zeit.“
Und natürlich gilt das für jeden Menschen, der einem nahe steht.
Entfernungen spielen da überhaupt keine Rolle.

Mögen andere sich jetzt hetzen, verausgaben und sich glänzend belügen.

Die Zeit um die Sonnenwende ist dem heilig, der Zeit aufbringt zum Verstehen des kosmischen Geschehens, in welchem der Mensch an sich den faszinierendsten Darsteller gibt.

Dazu braucht es aber mehr als einer geweihten Nacht.

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Donnerstag, 10. Dezember 2009

Noblesse oblige

Der Friedensnobelpreis basiert auf Dynamit,
daher seine Sprengkraft:
Unter den Trägern so manche Granate.

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Mittwoch, 9. Dezember 2009

Glück und Freiheit bedingen einander

Authentische Beschreibung einer Flucht im Jahre 1958 - Erstveröffentlichung

Meine Geburtsstadt Jena wurde 1945 zwar von amerikanischen Truppen eingenommen, dennoch fiel sie bei der folgenden Teilung Deutschlands unter die sowjetische Herrschaft.
Bald verschlug es meine Familie nach Lindow in der Mark Brandenburg, 70 Kilometer nördlich von Berlin.
In der Provinz mit den Ausläufern der Mecklenburgischen Seenplatte gestaltete sich das Leben bescheiden, die reizvolle Landschaft aber glich so manchen auch nachkriegsbedingten Mangel aus. Und für uns Kinder bot die Gegend ein paradiesisches Entdeckungsfeld.

Über allem jedoch lag eine diffuse Bedrohung durch die Besatzungsmacht, die ihre Präsenz täglich und überall unterstrich, begleitet von bekehrten deutschen Speichelleckern, welche die ruhmreiche Rote Armee als Helden verehrten.
In dieser politischen Stimmungslage leitete mein Vater ein privates Sägewerk, das im direkten Konkurrenzkampf mit einem weiteren volkseigenen Sägebetrieb wesentlich produktiver arbeitete. – Ein Dorn im Auge der Parteifunktionäre!

Es war die Zeit, als meine Mutter mehrere Ausgaben des „Neuen Deutschlands“ kaufte, um daraus Toilettenpapier zu schneiden, mein Vater beim Bürgermeister Beschwerden vortrug, weil es im HO-Laden wochenlang kein Salz oder Speiseöl gab. Es war die Zeit, als Menschen eingesperrt wurden, weil sie in West-Berlin Bleistifte und Radiergummis gekauft hatten. Und längst sagten Bürger dem kommunistischen Regime für immer Ade, indem sie ihr Hab und Gut, Verwandte und Freunde verließen, um im Westen neu zu beginnen.

Es stand fest, dass in diesem System keine Zukunft lag. Heimlich und mit beträchtlichem Risiko bemühte sich mein Vater um eine Arbeitsstelle in Westdeutschland, um bei einer Flucht nicht erst diverse Flüchtlingslager durchlaufen zu müssen. Die Familie hätte sofort eine Wohnung beziehen können.
Er hatte Erfolg mit einer Zusage in Himmelreich bei Kirchzarten.
Da nahm ihm im Januar 1956 auf einer Dienstfahrt mit dem Motorrad ein russischer Militär-Lastwagen die Vorfahrt, es folgte ein monatelanger Krankenhausaufenthalt. Die Stelle konnte nicht auf die Genesung warten.
Es galt, sich bis auf Weiteres dem Kommunismus zu beugen.

Jahrelang dauerte schon der Kampf um ausreichende Holzzuteilungen für das Sägewerk und brachte zunehmend gefährlichere Konflikte mit Partei- und Regierungsstellen. Zudem waren wir praktizierende Katholiken und wir Kinder wurden auch nach dringlichen Ermahnungen nicht bei den Jungen Pionieren angemeldet.

Im Jahr 1958 verfügten die Kommunisten das Ende der privaten Sägerei und boten stattdessen eine minder bezahlte Stelle im VEB-Sägewerk an. Für meine Eltern war dies im Herbst 1958 der Grund, erneut über eine konkrete Flucht nachzudenken. Das Fußball-Länderspiel Deutschland – Österreich am 19. November in Berlin kam meinem Vater für einen unverdächtigen West-Berlin-Besuch sehr gelegen. Er erfüllte mir einen großen Wunsch und nahm mich mit ins Olympiastadion. Noch vor Spielbeginn hatte er einen Termin beim damals Regierenden Bürgermeister von West-Berlin, Willy Brandt, was ich aber so nicht wahrnahm. Dieser Kurzbesuch sollte später noch von Vorteil sein.

Als nach Protesten sogar bei der Staatsregierung in Pankow gegen die Enteignung, beziehungsweise Stilllegung der Firma kein Sinneswandel zu erreichen war, gab schließlich in der Vorweihnachtszeit der Anruf eines Vertrauten in der Bezirksregierung Potsdam das Signal zu bedachtem Handeln.
Weihnachten sollte noch wie gewohnt gefeiert werden, einige Freunde wurden aber in die Fluchtpläne eingeweiht, sodass bei möglichster Risikominimierung schon manche Gegenstände aus der Wohnung einen neuen Besitzer hatten oder woanders „untergestellt“ wurden.

Meine jüngere Schwester und ich durften nichts davon merken, Weihnachten war für uns der übliche Höhepunkt des Jahres. Unsere frohe Stimmung steigerte sich noch durch die Ankündigung, wir würden alle an Onkel Willys Geburtstag zu Silvester nach Halle an der Saale reisen. Zuvor sollten wir Kinder noch zwei Ferientage bei Tante und Onkel in Oranienburg verbringen. Unser schon erwachsener Cousin Karl holte uns am 28. Dezember per Eisenbahn ab.

Ich stand voller Vorfreude abmarschbereit am Hoftor zur Rheinsberger Straße und wartete auf die anderen. Beim Blick auf den schönen neuen Jägerzaun, auf das Haus und das Sägewerk empfand ich eine innige Verbundenheit, wie einmalig doch unser Zuhause war. Ich legte meine Hand auf die neue Klinke des Zauntürchens und dachte, wie schrecklich es sein müsste, wäre das jetzt die letzte Berührung.
Ich war dreizehn.
Wir machten uns zu Fuß auf zum Bahnhof; es folgte ein abwechslungsreicher Aufenthalt in Oranienburg.
Unsere Eltern hatten nun freie Hand, letzte Angelegenheiten möglichst unauffällig zu regeln, sich innerlich von einem Lebensabschnitt zu verabschieden und den Freunden Lebewohl zu sagen.
Abends am 30. Dezember 1958 stießen sie zu uns und brachten auch die Fahrkarten nach Halle mit.

Wohnte man nördlich von Berlin, musste man mit der S-Bahn über West-Berlin zum Ostbahnhof fahren, von wo aus die Fernzüge in den Süden der Republik abgingen. Da unsere Eltern am nächsten Tag noch eine Kleinigkeit in Oranienburg besorgen wollten, sollten wir Kinder schon einmal mit einem früheren Zug zum Ostbahnhof vorfahren.

Der 31. Dezember 1958 war ein Mittwoch. In der Morgendämmerung gingen wir zum Bahnhof, wo die Eltern wie besprochen zurückblieben und wir, wieder mit Karl, den Bahnsteig betraten. Oranienburg ist eine S-Bahn-Endstation, also stand der Zug schon bereit. Wir nahmen in einem der menschenleeren Waggons Platz und warteten ungeduldig auf die Abfahrt, die sich jedoch lang und länger verzögerte.
Endlich ging es los – ein herrliches Gefühl. Nach und nach stiegen Leute hinzu, es wurde nach jeder Station lebendiger.
Dann hielt der Zug in Hohen Neuendorf *) , die Türen flogen auf und Kontrolleure durchkämmten alle Wagen. Karl musste sich ausweisen, denn der nächste Halt war in West-Berlin. Skeptisch betrachteten die Prüfer uns Kinder und wiesen uns an, den Zug mit Karl zusammen zu verlassen. Die Bahn rauschte ab, während wir in unfreundliche Räume geleitet wurden, wo man uns zunächst warten ließ. Dann wurde Karl in ein Nebenzimmer beordert und wir sollten erst einmal erzählen, wohin denn unsere Reise ginge. Eingeschüchtert, aber doch in Vorfreude berichteten wir von dem heutigen Geburtstag unseres Onkels in Halle, dass unsere Eltern nachkommen würden und zeigten unsere Fahrkarten vor. Alles wurde protokolliert. Irgendetwas gefiel den Vernehmern nicht, sie unterzogen uns einer Leibesvisitation, entdeckten aber nichts Außergewöhnliches.
Sie ließen uns frei, auch Karl überstand die Schnüffelei, zusammen bestiegen wir die nächste S-Bahn Richtung Westen.

Auf dem Bahnsteig Frohnau *) , der ersten Station in den Westsektoren, verzweifelten inzwischen unsere Eltern, denn sie hatten mit Karl vereinbart, dass wir uns alle hier treffen sollten: Keine Kinder zu sehen, es musste etwas schiefgegangen sein! „Ich muss umkehren,“ sagte unser Vater erschüttert, „ich muss mich stellen.“ Er war kreidebleich, doch unsere Mutter hielt ihn zurück: „Noch einen nächsten Zug warten wir ab.“
Nach endlosen Minuten zischten und quietschten die Bremsen und wir stiegen aus.

In den nachfolgenden Zügen wurde wahrscheinlich intensiv, aber vergeblich nach unseren Eltern gesucht, denn aufgrund der hohen Verspätung am Beginn unserer Fahrt waren sie unwissentlich in denselben Zug wie wir gestiegen, kamen folglich vor uns im Westen an.

Zur gemeinsamen Weiterfahrt zum Ostbahnhof rollte bereits die nächste S-Bahn ein. Kaum saßen wir, beschleunigte sie rasch und unserer Mutter kam über die Lippen: „Wir fahren nicht zurück.“ „Warum sollten wir?“ fragte ich, „wir wollen doch nach Halle.“
„Wir fahren nie wieder zurück.“
Da begriff ich, was geschehen war.
Ich blickte aus dem Fenster in das vorbeifließende Nichts, dachte an meine kleine Modell-Dampfmaschine, an meinen Stabilbaukasten, an die Weihnachtskrippe, an Freunde, an den See und an die Türklinke.
Als mir Tränen in die Augen stiegen, schaute ich auf einige Passagiere, denn ich schämte mich. Sie aber nickten verständnisvoll, denn auf diesen S-Bahn-Linien kannte man inzwischen solche Szenen.

Unser aktuelles Reiseziel hieß Berlin-Marienfelde, Notaufnahmelager.
Registrierungen in Warteschlangen, so viele gingen den gleichen Weg, ärztliche Untersuchungen, Anhörungen und Anträge bei deutschen und alliierten Dienststellen.
Es wurde Abend, man stattete uns mit etwas Taschengeld und Fahrscheinen aus zur Busfahrt durch die prächtigst beleuchteten Berliner Straßen zum Askanischen Platz, Flüchtlingslager „Henri Dunant“, in einem ehemaligen mehrstöckigen Fabrikgebäude.
Frauen und Männer wurden getrennt auf verschiedenen Etagen in großen Räumen mit doppelstöckigen Betten untergebracht. Der erste Tag in der Freiheit hatte uns ermüdet, wir schliefen bald ein, erwachten um Mitternacht vom Glockenläuten und Krachen der Silvesterfeuerwerke. Durch die riesigen Fabrikfenster schauten wir in einen engen dunklen Hof, hoch oben am Himmel symbolisierten einige dahinglühende Silvestersterne die Hoffnung auf ein anderes Leben.
Am Neujahrsmorgen waren die meisten Lagerbewohner verhalten glücklich im Bewusstsein, die Freiheit erlangt zu haben.

Manchmal dauerte es recht lange, ehe man „Henri Dunant“ wieder verlassen durfte, man hatte zwar Gelegenheit im Überfluss, sich schon einmal Berlin anzusehen, aber man hatte kein Geld und darüber hinaus das eine Ziel, so schnell wie möglich nach Westdeutschland ausgeflogen zu werden.
Jetzt zeigte wohl die vorbereitende Visite bei Willy Brandt Wirkung; wir erhielten alle erforderlichen Papiere und Ausweise erfreulich rasch, flogen Mitte Januar nach Frankfurt/Main und kamen weiter per Bahn nach Kirchzarten in ein Flüchtlingslager mit Massenunterkünften und Leuten vor allem auch aus Osteuropa. Bei einer erneuten ärztlichen Überprüfung prangte auf unseren Laufzetteln der Stempel „Entlaust“.

Nach weiteren Aufenthalten im Flüchtlingslager Schluchsee und im Flüchtlingswohnheim Donaueschingen endete die Odyssee in Geisingen bei Donaueschingen, wo mein Vater eine erste Arbeit und die Familie eine Wohnung fand. Es sollte dies jedoch nicht der letzte Wohnsitz bleiben.

Meine Eltern haben Lindow nie wieder gesehen.
Ich kam 1993 nach 34 Jahren erstmals zurück. Mir wurde eindringlicher denn je bewusst, wie Glück und Freiheit einander bedingen.

 *) In einem ersten Manuskript waren die nicht korrekten S-Bahn-Stationen Bornholmer Straße und Gesundbrunnen angegeben.

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Montag, 7. Dezember 2009

Sequenzen von Skepsis (15)

Aphorismen zum Nachdenken und zum Zitieren:

Außer und ohne Konkurrenz: Heute ist der Eröffnungstag der Gehirnschmelze in Kopenhagen.

160
Globalisierung dient der schamlosen Verschleierung gigantischen Reichtums von bedenkenlosen Antipersonen.

161
Wahrnehmung reduziert sich oft auf etwas bemerken, unabhängig von Wahrheit oder Täuschung. Aber auch das Merken nimmt merkwürdig ab, weil, wer ist schon interessiert und gebildet genug? Braucht doch Bildung seine Zeit. Merken Sie etwas?
Dann sind Sie über dem Durchschnitt.

162
Wahrheit ist wertvoll, edler ist Aufrichtigkeit.

163
In materieller Not fehlt meist die Zeit zum Denken,
bei gutem Auskommen das Interesse am Denken,
im Überfluss häufig ein Problembewusstsein,
unter ideologischer Bedrängnis auch der Mut.
Denken ist wie Freiheit, nein, entwirft die Freiheit,
auf die Gottesanbeter nicht hoffen können.

164
Denken ohne Konsequenzen läuft wie ein Leben an der Hundeleine.

165
Man kokettiert mit seinen Fehlern in humoriger Demut und gewinnt Sympathien.
Freunde dürften Ehrlicheres erwarten.

166
Wer nie in vollem Bewusstsein neben sich stand (stehen musste), surft verdammt gut durchs Leben. Immer auf Höhe der Oberfläche.

167
Zustimmung ist honigsüß. Schmackhaft wird das Mahl durch die Würze fairer Kritik.

168
Die Rose eines verregneten Sommers leidet nicht; sie kennt keinen Vergleich.

169
Löst sich Philosophie nicht vom Zeitgeist, schmälert sie ihre wissenschaftlichen Ambitionen.

170
Immer aufs Neue faszinierte uns Kinder die Schilfzone am Seeufer. So viel Leben zwischen den Halmen unter und über Wasser. Sogar Liebespaare im Boot!
Später erst sinnierte ich: Das Schilf wiegt sich wie ein Zaubervorhang – verdeckend, schützend und doch transparent. So ganz anders als schweigende Wände.

171
Keine Region vermag mehrere Kulturen zu verkörpern ohne Selbstaufgabe.

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© Raymond Walden, www.raymond-walden.blogspot.com

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Samstag, 5. Dezember 2009

Grüß wen?

„Grüß Gott“ als üblicher Gruß in weiten Teilen des deutschsprachigen Raumes zeugt heute weniger von religiöser Gesinnung, sondern gilt als allgemeine Freundlichkeit im mitmenschlichen Umgang.
Bei kritischer Betrachtung jedoch wird deutlich, wie durch die Verwendung des Grußes früher geradezu indoktrinär der eigene Glaube dem Gegenüber zu jeder Tageszeit plakatiert wurde, durchaus nötigend, mahnend, diesen Glauben zu teilen.
Es erschien viel wichtiger, „Gott zu grüßen“ als den Menschen, aber eben durch den Menschen in permanenten Diensten Gottes.
Sicher beabsichtigen auch gegenwärtig noch einige Grüßer, ihre Glaubensüberzeugung anzutragen, die Mehrheit der Zeitgenossen äußert eine Floskel ohne Bedeutung, etwa „Hallo“ oder „Hi“.
Ich wünsche lieber „einen guten Tag“, ehrlich, ohne Gott.

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Mittwoch, 2. Dezember 2009

Analytiker des Wahnsinns

„Um uns tobt der Wahnsinn,“ raunt der Kabarettist, das Publikum biegt sich vor Lachen, stimmt dem Komiker zu, obwohl es in der Kürze des Auftritts nur glaubt zu verstehen, denn es ist das Publikum selbst, das Volk, das auf die Schippe genommen wird.
Somit ist sichergestellt, dass sich auch nichts am „Wahnsinn“ ändern wird, denn daran möchte die Gesellschaft in ignoranter Verkennung sowieso festhalten. Dem Bühnenschelm blüht keine Gefahr, ganz im Gegenteil, man schätzt ihn.

Anders hingegen steht der Analytiker des „Wahnsinns“ da, man mag ihn nicht, fürchtet ihn, macht ihn gerne mundtot, denn er kann Gaudi bestenfalls nach der Anstrengung in Aussicht stellen. Und Anstrengung meint Verbesserung der „wahnsinnigen“ Verhältnisse, also Ursachenforschung und Kausalität, nicht Wunderglaube und verlogene Schönfärberei.

Er ist nicht der Misanthrop, sondern schöpft seinen, angesichts der ideologischen Massen-Verblendungen eher skeptischen Optimismus aus den begeisternden objektiven, nicht modisch vorgegaukelten Naturgesetzen.

Träge Unbildung, schwerfälliges Fachidiotentum und wachstumsfetischistische „Macher“ sinnieren über Globalität, während die Grenzen ihres Denkens an den Haarspitzen oder kahlen Schädeln gezogen sind.
„Wahnsinn“ ist mehrheitsfähiger denn je, war es aber immer schon. Wenn die Mehrheit den „Wahnsinn“ favorisiert, wird in allen bestehenden Gesellschaftsordnungen der Aufklärer leicht zum auszugrenzenden „Weltfremden“. Das allerdings muss ihn nicht sonderlich belasten, solange ihm nicht zum Beispiel in einem demokratischen Staat Gewalt angetan wird; in allen anderen Staatsgebilden wird man kurzen Prozess machen.

Die denkende junge Generation muss wissen, dass sie raffinierten Versuchungen unterliegt. „Denkend“ definiere ich als „nicht glaubend“.
Mein persönliches Bemühen ist es, mich der geradezu virtuell unnatürlichen Welt der ideologischen Paragraphen, der medialen Aufwertung menschlicher Verlogenheit, Gewalttätigkeit, kurz, der in Dummheit begründeten Menschenverachtung zu verweigern – nicht durch Resignation, sondern durch einen Antrieb, den ich beinahe in jedem Augenpaar erkenne: Sehnsucht nach Angstfreiheit.

Sie empfinden das als kitschig?
Das ist Ihr gutes Recht in einer Demokratie.

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